Unbestechliche Corona-Schnüffler

Border Collie Hundenase Nahaufnahme
Trainierte Hunde erkennen Corona-Infektionen zuverlässiger als so mancher Test.
Symbolfoto: pixabay

Hans Ebbers trainiert Spürhunde. Er hält sie für das beste Mittel, um Corona-Infektionen zu erkennen. Im Interview erklärt er, wie Hunde den Pandemie-Alltag erleichtern könnten. Und warum er kein Verständnis für Politiker hat, die das blockieren.

Bemerkenswert an dem Thema ist, dass das Auswärtige Amt Hans Ebbers im August zwar nach Ruanda schickte, um Corona-Spürhunde auszubilden, in Deutschland der Einsatz aber immer noch nicht so recht in greifbare Nähe rückt. Warum? Selbst für Hans Ebbers bleibt es ein Rästel.

In vielen Bereichen des Lebens vertrauen wir gut ausgebildeteten Hundenasen heute schon unser Leben an. Bei Großveranstaltungen und an Flughäfen suchen sie nach Sprengstoff, sie finden Datenträger, die Pädokriminelle überführen. Nur beim Corona-Screening dürfen sie in Deutschland immer noch nicht ran.


“Es bleibt ein Rätsel, warum wir keine Spürhunde einsetzen.”

Hans Ebbers im Interview mit Susanne Vollrath
Herr Ebbers, Sie waren im August in Ruanda, wo Sie Corona-Spürhunde ausgebildet haben. Worum ging es da genau?

Ruanda will Corona-Spürhunde bei der Einreise am Flughafen einsetzen. Bei einem negativen Testergebnis können die Menschen ohne weitere Maßnahmen ins Land. Zeigt der Hund eine Probe positiv an, wird ein PCR-Test hinterher geschoben. Das macht die Einreise wesentlich schneller und günstiger als im Moment.

Wieso? Wie läuft es denn ohne die Hunde?

Jeder, der in Ruanda aus dem Flugzeug steigt, macht direkt am Flughafen einen PCR-Test und wird sofort in ein Quarantänehotel gesteckt. Das Zimmer darf er erst mit dem negativen Ergebnis wieder verlassen. In Zukunft sollen Corona-Spürhunde den Test übernehmen. Das geht so schnell, dass die Reisenden sofort weiterkönnen. Die deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt fördern und finanzieren das Projekt. Ich hoffe, sie schieben es weiter an.

Wie klappt es mit den Hunden in Ruanda?

Die Hunde waren noch nicht im Echt-Einsatz, als ich wieder zurückgekommen bin. Ziel meines Aufenthalts war, den Hundeführern möglichst viel beizubringen. Im September waren die Hunde fertig trainiert und es begannen Vorversuche. In der ersten Phase laufen PCR-Tests und Hunde-Screening parallel.

Was könnte durch Corona-Spürhunde auch in Deutschland besser werden?

Überall da, wo ein frisches Ergebnis wichtig ist, kann man Corona-Spürhunde sinnvoll einsetzen. Sie liefern schneller, punktgenauer und weniger belastend für die Testperson ein aktuelles Ergebnis als die bisher eingesetzten Verfahren. Ein Corona-Spürhund zeigt eine Infektion in wenigen Sekunden an, mit einer Zuverlässigkeit von weit mehr als 90 Prozent. Und dafür muss man noch nicht mal in der Nase bohren. Eine Schweißprobe reicht. Kein Kontakt mit infektiösem Virusmaterial.

Sie behaupten, wenn wir frühzeitig Corona-Spürhunde eingesetzt hätten, wären deutlich weniger Menschen an Covid-19 erkrankt und gestorben. Was macht sie da so sicher?

Wir hätten mehr Erkrankungen erkennen können, wenn wir frühzeitig mehr getestet hätten. Das steht außer Frage. Seit April 2020 wissen wir, dass trainierte Hunde Corona-Infektionen sehr gut erkennen. Sie hätten Infizierte gefunden und Ansteckungsketten unterbrochen. Weniger Erkrankte bedeuten weniger Tote. Corona-Hunde hätten schon im Einsatz sein können, als es noch keine Antigen-Schnelltests gab. Sie erkennen auch asymptomatische Infektionen zuverlässiger als jeder Schnelltest.

Die Aussagekraft von Antigen-Schnelltests bei Personen ohne Symptome steht in der Tat immer wieder in der Kritik. Warum kriegen die Hunde das besser hin?

Corona-Spürhunde suchen in den Schweißproben nicht nach dem Virus, sondern nach einer bestimmten Kombination von Molekülen, die die infizierten Zellen absondern. Kleinste Mengen genügen. Deshalb erkennen sie Infektionen auch ohne die typischen Symptome. Das hilft besonders in frühen Stadien. Der Schnelltest reagiert erst ab einer gewissen Konzentration von Virus-Protein im Abstrich. Infizierte ohne Symptome filtert er nur zu 50 Prozent raus.

Ein PCR-Test schlägt mit 100 bis 200 Euro zu Buche. Ein Bürgertest kostet den Steuerzahler mehr als zehn Euro. Wie teuer wäre ein Testergebnis, wenn es von einem Hund ermittelt würde?

Richtig durchrechnen kann man das in der aktuellen Lage noch nicht. Vielleicht käme man über den Daumen geschätzt mit einem Euro pro Testung hin. Die Testgebühr müsste in erster Linie die Hunde-Ausbildung, das Futter und das Einkommen des Hundeführers bezahlen. Der Tupfer für die Schweißprobe kostet so gut wie nichts.

Das klingt, als wären Hunde den üblichen Schnelltests haushoch überlegen. Warum setzen wir sie nicht längst ein?

Ich denke das liegt daran, dass unsere Gesellschaft technischen Systemen mehr vertraut als Lebewesen. Außerdem haben wir verlernt auf politischer Ebene einfach auch einmal Entscheidungen zu treffen. Man hätte sich nichts damit vergeben, die Corona-Spürhunde von Anfang an mitlaufen zu lassen. Der Aufwand ist wirklich nicht groß. Man hätte sagen können: Wir machen das weiter. Wir bilden mehr Hunde aus und wir testen, wie wir sie in bestimmten Situationen einsetzen können. Das hätte erst mal keinen Einfluss auf die anderen Maßnahmen gehabt. Im Moment nehmen wir mehr Infektionen in Kauf als nötig.

Verstehen Sie, dass sich manche Menschen mit Corona-Spürhunden schwertun?

Richtig verstehen kann ich es nicht. In vielen anderen Bereichen vertrauen wir ja auch auf ausgebildete Hundenasen und nicht auf Detektoren. Es gibt einfach keinen besseren Sensor im Bereich der Moleküle. Bei jedem Gipfeltreffen wird vorher alles mit Hunden auf Sprengstoff abgesucht. Weil wir es bei Corona mit anderen Molekülen zu tun haben, sagt man: Ich glaube nicht, dass das geht. Am Ende geht es doch, wie die Studien zeigen.

Also geht es vor allem um Vertrauen.

Es darf nicht passieren, dass sich jeder Hundeverein hingestellt und sagt „unsere Hunde können das“, wie es mittlerweile beim Mantrailing (Anm. d. Red.: Personensuche am Individualgeruch) der Fall ist. Es hängen Menschenleben davon ab. Deshalb muss es klar definierte Richtlinien, zertifizierte Testverfahren und eine überwachende Stelle geben. Im Bereich der privaten Sprengstoffsuche überprüft das Luftfahrtbundesamt die Hunde einmal im Jahr oder alle 100 Einsatzstunden. Bei Corona könnte es das Gesundheitsamt machen in Zusammenarbeit mit einer Hochschule, einem Labor oder einer Klinik.

Kritiker könnten der privaten Spürhunde-Branche vorwerfen, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen die Chancen der Corona-Bekämpfung mit Hunden größer zeichnet, als sie sind. Was erwidern Sie diesen Kritikern?

Diese Kritik lässt mich kalt. Ein Tag Lockdown kostet das Land locker 500 Millionen Euro. Für das, was eine einzige Stunde kostet, könnte man Corona-Spürhunde in ganz Deutschland ausbilden. Zur Zeit haben wir auch wirtschaftliche Interessen auf der Pharma-Seite und bei den Betreibern von Schnelltest-Zentren. Das ist auch akzeptabel, solange auch alternative Systeme, die deutlich günstiger sind, mit bedacht werden, Deutschland hat mittlerweile mehr als 1,7 Milliarden Euro für Bürgertests ausgegeben und um die 70 Millionen PCR-Tests durchgeführt, was etwa eine weitere Milliarde Euro gekostet haben dürfte. Für diese Summen kann man top ausgebildete Corona-Spürhunde sehr lange suchen lassen.

Wie viele Hunde bräuchte man für einen flächendeckenden Einsatz?

Ich schätze ungefähr 3.000. Die müssen nicht alle gleich da sein. Wichtig ist, mal anzufangen. Der Rest wird sich von alleine regeln. In anderen Bereichen mussten ebenfalls erst Strukturen aufgebaut werden. Wenn die Corona-Spürhunde akzeptiert sind, werden Privatunternehmen, die zum Beispiel schon nach Sprengstoff suchen, zusätzlich Corona-Spürhunde ausbilden. Anfangs könnten die Sprengstoff-Hunde auf Corona umgestellt werden, aber grundsätzlich ist die Kombination nicht ideal.

Teststationen, in denen man sich schnell mal abschnüffeln lassen kann, sind nicht das, was Sie sich vorstellen. Wo kann man Corona-Spürhunde sinnvoll einsetzen?

Vor jeden Friseur einen Hund zu setzen, ist sicherlich nicht das Ziel. Man könnte Großbereiche definieren, die jemand erst betreten darf, wenn der Hund eine Schweißprobe kontrolliert hat. In diesen Bereichen könnten sich die Menschen ohne weitere Hygienemaßnahmen bewegen. Veranstaltungsorte oder Fußgängerzonen könnten solche Großbereiche sein. Da sollte man angesichts der Delta-Variante für Geimpfte die Testpflicht nicht aufheben. Ein lückenloses Screening hilft bei der Pandemiebekämpfung. Das Testergebnis ist ja sehr schnell da. Für zehn Proben braucht ein Hund deutlich weniger als eine Minute.

Ein Blick auf den Schulanfang: Würden Tests mit Corona-Spürhunden für mehr Sicherheit in den Klassenzimmern sorgen?

Bei festen Gruppen, wie es sie in Schulen, Kitas, Altenheimen und Betrieben gibt, geht das sogar ziemlich effizient mit Pool-Tests.

Wie funktionieren Pool-Tests?

Jedes Mitglied einer definierten Gruppe nimmt von sich eine Schweißprobe. Alle Proben dieser Gruppe sammelt man in einem Behälter. Dieser Container wird an einer zentralen Sammelstelle für Reihentests von einem Corona-Spürhund kontrolliert. Bei einer positiven Anzeige werden alle aus diesem definierten Pool noch mal mit einem anderen Verfahren nachgetestet. Ein Hund schafft mehrere hundert dieser Behälter am Tag, durch die Pools summiert sich das auf tausende getestete Personen.

In welchen Situationen kommt man mit den Hunden nicht weiter?

Es braucht eine gewisse Frequenz, damit ihr Einsatz sinnvoll ist. Kommen zu wenige oder zu viele Menschen auf einmal, wird es schwierig. Es gibt viele Szenarien, in denen der Einsatz sinnvoll ist.

Sollten sich die Ergebnisse der ersten Studien bestätigen – mal weitergedacht: Wer soll den Einsatz von Corona-Spürhunden bezahlen?

Bei öffentlichem Interesse, beispielsweise bei den Schulen, müsste der Staat weiterhin die Kosten übernehmen. Wo das nicht der Fall ist, müsste das jeder selbst bezahlen, der einen Test benötigt oder eine Testreihe beauftragt. So wie es bei den Bürgertests kommen soll. Aber auch das wäre mit dem Hund günstiger als mit dem Antigen-Schnelltest.

Im September setzten Sie – wissenschaftlich begleitet von der Tierärztlichen Hochschule Hannover – erstmals bei Konzerten Corona-Spürhunde ein.

Das Land Niedersachsen legt eine Machbarkeitsstudie zum Einsatz von Corona-Spürhunden bei Großveranstaltungen auf. Das Wissenschaftsministerium fördert die Studie der Tierärztliche Hochschule Hannover in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hannover Concerts, Proevent, Kynoscience, Awias Aviation Services und der Bundeswehr mit 1,5 Millionen Euro. Geplant waren Gruppensuchen und pro Behälter der Test von zehn bis 20 Proben. In wenigen Minuten kennt man auf diese Weise das Testergebnis von 100 bis 200 Menschen. Sollte eine positive Probe dabei sein, wird nachgetestet. Zusätzlich wird die Anzeige der Hunde mit Antigen-Schnelltests und PCR-Tests überprüft, um die Ergebnisse vergleichen zu können.

Das heißt, die deutsche Politik weiß über die Möglichkeiten Corona-Spürhunde einzusetzen durchaus Bescheid?

Ja. So ist es. Wenn man drüber nachdenkt, wirft das einige Fragen auf. Niedersachsen erkennt es jetzt und das Auswärtige Amt ist offensichtlich schon länger der Meinung, dass Corona-Spürhunde eine gute Sache sind. So gut, dass wir es nach Afrika tragen. Warum setzen wir die Hunde also hier nicht ein? Und falls die Entscheidungsträger doch nicht davon überzeugt sind, stellt sich die Frage: Warum soll es in Afrika besser funktionieren? Es bleibt ein Rätsel, warum Corona-Spürhunde in Deutschland noch nicht genutzt werden.

Das Gespräch führte Susanne Vollrath im September 2021.

Mittlerweile sind die ersten Tests der Machbarkeitsstudie gelaufen. Die Tierärztliche Hochschule teilte mit, dass die Spürhunde beim ersten Konzert der Testreihe alle „Fallen“ entdeckt zu scheinen haben. Das ist unter anderem bei zeit-online zu lesen. Ab und zu hatten die Wissenschaftler unschädlich gemachte Corona positive Proben untergemischt. Mit den genauen Ergebnissen ist in den kommenden Wochen zu rechnen.

Stand 10. Oktober 2021

Hans Ebbers – Der Mann mit dem Riecher

Hans Ebbers, 58 Jahre alt, ist in Bocholt aufgewachsen. Heute lebt er im Teutoburger Wald. Hunde begleiten ihn von Kindesbeinen an. 1980 begann er seine Laufbahn als Beamter bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Von 1989 bis 2013 gehörte er der Spezialeinheit SEK an, seit 1992 ist er im Diensthundewesen tätig. Er bildet seit fast zwei Jahrzehnten Spürhunden aus. Zusammen mit seiner Frau, der Fachtierärztin für Tierverhalten Dr. Esther Schalke, gründete er 2009 die Lupologic GmbH, heute Kynoscience UG. Zusammen entwickelten sie ein Trainingsgerät, das die Ausbildung von Hunden in Sachen Geruchskonditionierung, Geruchsdifferenzierung und Geruchsanzeige ohne Einflussnahme des Hundeführers möglich macht, was eine der größten Fehlerquellen bei herkömmlichen Ausbildungsmethoden darstellt. Im Haushalt von Hans Ebbers leben aktuell ein Cocker-Spaniel (18 Monate), eine Schäferhündin (4 Jahre) und eine Labrador-Retriever-Hündin (7 Jahre).

Ethische Aspekte beim Einsatz von Corona-Spürhunden

Die Ethik-Kommission hat den Einsatz von Corona-Spürhunden bis jetzt nur für die Machbarkeitsstudie gebilligt. Dahinter steckt die Befürchtung, ein Hund könnte eine Infektion von einer Person auf andere übertragen. Diese Bedenken waren zu Beginn der Forschung berechtigt. Man arbeitete mit inaktivierten Viren in Speichelproben. Im echten Einsatz wäre eine Übertagung nicht ausgeschlossen gewesen. Mittlerweile weiß man, dass die Spürhunde Schweiß- und Urinproben von Infizierten fast genauso zuverlässig erkennen wie Speichelproben. Im Gegensatz zum Speichel ist Schweiß jedoch, bis auf seltene Ausnahmen, virenfrei. Zusätzlich schnüffeln die Hunde nie direkt am Menschen, sondern immer an Probematerial, das sich in separaten Behältern befindet. Hunde können nicht an Corona erkranken.

Ein Tipp aus Unterharmersbach

Der Kontakt zu Hans Ebbers entstand über Monika Müller aus Unterharmersbach. Sie führt Rettungshunde beim Deutschen Roten Kreuz und hatte schon im Frühjahr ein „feines Näschen“ für das Thema. Sie ist wie Hans Ebbers der Meinung, dass der politische Willen zum Einsatz von Corona-Schnüfflern fehlt. Als sie das Thema bei Politikern und Verbänden auf verschiedensten Ebenen auf die Agenda bringen wollte, tat sich – nichts.


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