Was, wenn es Corona nur in armen Ländern gäbe?

Was läuft falsch mit dem Corona-Impfstoff?
(c) Susanne Vollrath

Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit ein Interview mit Dr. Christiane Fischer zu führen. Es ging um den scheinbar schleppenden Corona-Impfstart. Die Medizinerin hat da eine ganz andere Sicht. Sie kämpft seit Jahren für das fundamentale Menschenrecht auf höchstmögliche Gesundheit, wie es in der Erklärung von Alma-Ata niedergelegt ist, und fordert: Unentbehrliche Impfstoffe und Medikamente müssen vom Patentschutz ausgenommen werden.

Sie ist überzeugt, dass sich heute kein Pharma-Unternehmen um die Krankheit kümmern würde, wäre Corona in der sogenannten Dritten Welt steckengeblieben. Für Dr. Fischer ist es ein Skandal, dass sich die reichsten Länder der Erde mehr als 90 Prozent des Impfstoffes gesichert haben und dadurch Milliarden von Menschen der Zugang zu Impfstoff vermutlich auf Jahre hinweg verschlossen bleibt.

Doch ihr eigentlicher Punkt ist ein anderer, der Patentschutz auf Medikamente. Sie erinnert daran, dass kein Unternehmen gezwungen ist, Patente auf Medikamentenneuentwicklungen anzumelden. Bis Ende der 1960er Jahre sei dies noch als innovationsfeindlich angesehen worden, als Forschungshemmnis.

Das Argument, dass die Entwicklung teuer ist, lässt sie in der Form, wie es oft geäußert wird nicht gelten. Ja – Forschung sei teuer, aber sie sei auch zu einem großen Teil öffentlich finanziert. Die Grundlagenforschung findet in Universitäten und angeschlossenen Instituten statt, für Unternehmen gibt große Steuereffekte. Realistisch komme man auf 100 bis 200 Millionen effektive Kosten pro Medikament für das Unternehmen, nicht auf 2,5 Milliarden, wie immer wieder zu hören ist.

Ich fragte: Viele andere Erfindungen werden auch patentiert. Ende 2019 waren insgesamt 772.872 Patente in Deutschland gültig. Warum also nicht auch für Medikamente?
Dr. Fischer antwortete: Unentbehrliche Medikamente sind kein Käse, den man sich nach Belieben kaufen kann oder halt auch nicht. Die Versorgung der Menschen mit diesen Wirkstoffen muss unbedingt Priorität vor den wirtschaftlichen Interessen der Konzerne haben. (…) Das Wissen muss öffentlich zur Verfügung gestellt werden. Das Wissen gehört allen. Das Wissen ist ein öffentliches Gut. Es wird geforscht und die Unternehmen werden auch etwas an ihren Entwicklungen verdienen. Jetzt muss die Welt jedoch akut mit Impfstoff versorgt werden.

Und sie appelliert: “Allen, die sich impfen lassen wollen und noch ein bisschen warten müssen, möchte ich sagen: In Deutschland geht es um ein paar Wochen hin oder her. In den armen Ländern geht es um Jahre. Ein Menschenleben ist immer gleich viel Wert. Egal, ob es in Europa, in Afrika oder Südamerika gelebt wird.”